Schiffsreisen-Logo
Schiffsreisen-Logo
war. Die Heizer schaufelten Kohle, soviel und so schnell sie konnten. Aller Dampf, den die Kessel erzeugten, wurde für die Schiffsmaschine gebraucht, Heizung und warmes Wasser waren Nebensache und wurden einfach abgeschaltet. Die CARPATHIA erreichte unter normalen Umständen eine Geschwindigkeit von 14 Knoten, und mehr hätte ihr auch niemand zugetraut. Jetzt preschte sie mit stündlich 17 Seemeilen nach Norden. Für die Schiffbrüchigen zählte jede Minute, und der umsichtige Rostron wusste das.
Dreieinhalb Stunden führte der Kapitän sein Schiff mit voller Geschwindigkeit durch Treibeis und zwischen gefährlichen Eisbergen hindurch und zermarterte sich den Kopf, ob er auch nichts Wichtiges vergessen hatte. In der Untersuchung durch den amerikanischen Senatsausschuss gab er an, sich der Gefahren dieser Fahrt für sein Schiff und seine Passagiere bewusst gewesen zu sein. Er wäre aber der Meinung, dass die Rettung von Menschenleben es rechtfertigte, ein wohl kalkuliertes Risiko einzugehen.
Die Unglücksstelle so schnell wie möglich zu erreichen, war eine Sache. Was aber die wahre Qualität Rostrons als Krisenmanager ausmacht, ist nicht sein Geschwindigkeitsrekord, sondern auch die Vorbereitungen für die Aufnahme der Schiffbrüchigen, die er an Bord mit größter Präzision treffen ließ. Der Kapitän, der wegen seiner unerschöpflich scheinenden Energie den Spitznamen „der elektrische Funke“ hatte, bewies Umsicht und Kompetenz, als er die Mannschaft zusammenrief und seine Befehle erteilte: An den Gangways
mussten Decken aufgestapelt werden, die Küche hatte heiße Getränke und Suppe bereitzuhalten, der Schiffsarzt sich auf verletzte Passagiere vorzubereiten. An Deck mussten Säcke aus Segeltuch bereitliegen, um Kinder und verletzte oder geschwächte Passagiere aus den Rettungsbooten aufs Schiff ziehen zu können. Auch musste dafür gesorgt werden, dass die Namen der Geretteten festgestellt und festgehalten wurden. Das alles sollte möglichst leise geschehen, um die schlafenden Passagiere der CARPATHIA nicht zu stören. Grund war aber wohl auch, dass der Kapitän herumlaufende und Fragen stellende Passagiere nicht gebrauchen konnte; sie waren in ihren Betten am besten aufgehoben.
Aber die CARPATHIA war ein eher gemütliches Schiff, auf dem nachts Ruhe herrschte. Die ungewöhnlichen Aktivitäten blieben den Passagieren nicht verborgen, und wer einmal aufgewacht war, dem fiel auf, dass die Heizung ausgefallen und das Schiff ungewöhnlich schnell unterwegs war.
Um 4.10 Uhr wurde das erste Rettungsboot der TITANIC gesichtet. Für den Cunard-Kapitän, für den die Sicherheit stets an oberster Stelle stand, wurde eine grausige Ahnung zur Gewissheit: Die TITANIC war nicht mehr an der Oberfläche. Als die Passagiere des ersten Bootes sicher an Bord der CARPATHIA waren, wurde es allmählich hell. Nun konnte man in
einem Gebiet von etwa vier Seemeilen auch die anderen Rettungsboote ausmachen. Um 8.30 Uhr war es geschafft, alle Passagiere aus den Booten waren an Bord. Kapitän Rostron ließ einen kurzen Gottesdienst abhalten – Dankgottesdienst für die Geretteten, Trauergottesdienst für die Opfer der Katastrophe. Um die CARPATHIA herum trieben Trümmerteile. Das ließ den Schluss zu, dass man sich unmittelbar an der Stelle befand, an der die TITANIC gesunken war. Die CARPATHIA kreuzte noch weiter zwischen den Eisbergen, fand aber keine Rettungsboote und keine Überlebenden mehr. Inzwischen war die CALIFORNIAN eingetroffen, ein kleines Schiff, das bei abgeschalteter Funkanlage in unmittelbarer Nähe lag,
Die CARPATHIA in ruhiger See
Drucken  |  Versenden Edition 0310 Zum Menü  | << Zurück  | Weiter >>