Herbert Frickes neues Buch "Geständnisse an der Reling" wurde am 23. September in Hamburg an Bord der CAP SAN DIEGO vorgestellt.
1. Auflage
192 Seiten
Format 13 x 18,5 cm
ISBN 978-3-7688-2632-7
Preis: 12,90 Euro
gebunden mit Schutzumschlag
Die Lady war so um die Sechzig und begann mit „Na?“ Das hörte sich an wie ein Klingelton im Handy und sollte heißen: hier an der Reling wartet eine Mitteilung auf Sie. Ich überhörte die Mitteilung zunächst und wartete auf den nächsten Klingelton. Der kam dann auch und hieß wieder „Na?“ Sollte ich den Speicher öffnen? Aber der öffnete sich schon von selbst. Und zwar mit der Anfrage: „Na? Sie hier?“ Mein Klingelton war auf leise eingestellt und antwortete nur „Mmm“. „Auch
unterwegs nach Bora Bora?“ Gerade wollte ich antworten: „Nein, nach Berlin-Charlottenburg!“ da meinte die Dame mit deutlich berlinerischem Akzent, sie komme aus Berlin-Charlottenburg.
Etwas Ähnliches war mir schon früher mal passiert, und ich überlegte deshalb, ob es so etwas wie eine verbale Vorahnung gibt? Wenn es eine Vorsehung gibt, muss es ja auch eine Vorhörung geben? Dass man nämlich die Antwort eines Gegenübers schon zu
hören glaubt, bevor der oder die überhaupt etwas gesagt hat. Ohne hinzuschauen ahnte ich, dass diese Dame sportlich aussieht, gefönte graue Haare hat und Männershorts trägt. Dann hob ich meinen Blick ein bisschen widerwillig aus dem Meer da unten hinauf an die Reling und erkannte: Sie sieht tatsächlich sportlich aus, hat gefönte graue Haare und trägt Männershorts. Allerdings nicht marineblaue, wie ich mir vorgestellt hatte, sondern senfgelbe.
„Det is jut“, versuchte ich, mich ihrer Redeweise anzupassen. „Wat is jut?“ „Na, det Se aus Balin stammen und nu nach Bora Bora wollen.“ Sie schien erleichtert, dass ich mit meinem verbalen Daumen den Deckel ihrer geistigen Kaffekanne aufgeklappt hatte. Nun
konnte er mit einem Schwall in den Becher meiner Aufmerksamkeit fließen, all der frisch gebrühte geistige Kaffee aus ihrem lange nicht abgefragten Gedankenspeicher. „Vielleicht“, meinte sie, „vielleicht is dies meene letzte Kreuzfahrt.“ „Wieso, sind ´se krank?’ „Nee. Aba da muss ick ma uff Holz klopp´n. Is ja keen Holz da. Muss ick mir an de Birne klopp´n.“ „Wieso, de Reling is Mahagoni, da könnse jerne druffklopp´n. Und wennse jesund sind, wieso dann die letzte Kreuzfahrt?“ „Weil se nich mehr so jut jehn, die Jeschäfte. Wissen´se, ick hab´n Pelzjeschäft am Ku´damm. Un Ku´damm jeht nich mehr so jut. Friedrichstraße jeht jetzt bessa. Un Pelze sind sowieso schlecht, weil de Jrünen immer druff rumhacken, auf uns Pelzhändler.“ „Nich nur die Jrünen!“ sagte ich.