Der Flaggenmast weist nach Westen. Hinter ihm das undurchdringliche Dickicht des Dschungels. Und eine Stadt, die es in sich hat, und die Dank des Tourismus’ eine Reinkarnation erlebte: Manaus. Das sagenhafte Urwald-Mekka der Kautschuk-Barone war der richtige Auftakt für eine Südamerika-Kreuzfahrt: raus aus dem Flugzeug und hinein ins pralle Leben! Ins brodelnde Nebeneinander weißer Villen des ausgehenden 19. Jahrhunderts auf der einen und der Armut der Straßenkinder auf der anderen Seite. Was Südamerika ausmacht – auch hier, tief im Dschungel – ist die Lebensfreude. Selbst der Familienvater, der heute noch überlegt, wie er morgen
seine Kinder satt bekommt, tanzt abends in den Straßen. Dabei gibt es erstaunliche Möglichkeiten, sein Geld zu verdienen. Auf dem Markt gibt’s nicht nur Maniküre (oder sagt man auch hier schon Nail-Design?), Schneider und Schuster, sondern auch einen professionellen Formular-Ausfüller mit klappriger Schreibmaschine. Neben ihm ein Passfotograf mit einer uralten Balgen-Kamera. Wahrscheinlich stammen all diese Utensilien aus der Blütezeit der Stadt. Jener Zeit, als das pompöse Opernhaus gebaut und die Pariser Markthallen kopiert wurden. In Paris sind sie längst verschwunden. In Manaus stehen sie noch. Die Bauten bilden einen grotesken Fremdkörper in
diesem mörderischen Klima mitten im Urwald. Zwar schaffen die schmucken Gründerzeit-Villen, z.T. von Deutschen errichtet, ein wenig Vertrautheit in dieser fremden Welt, wollen aber nicht so recht zu den Mangobäumen rechts und links der Alleen passen.
Langsam tastet sich der Bug der DELPHIN aus dem Hafen. Einem Binnenhafen, zweieinhalbtausend Kilometer vom Meer entfernt. Am Amazonas. Vorbei sind zwar die Zeiten, als man in Schlauchbooten tragbare Echolote vorausschicken musste, weil es für Schiffe dieser Größe keine verlässlichen Daten des eigenwilligen Flusses gab, doch Vorsicht ist auf der Kommando-Brücke immer noch geboten. Das Wasser, von dem etwa 190 Tonnen pro Sekunde ostwärts rollen,
bringt Sand und Sedimente mit. Dort, wo die DELPHIN gestern noch gefahren ist, könnte heute eine Sandbank sein. Ihre Lage kennt nur der einheimische Lotse. Der kleine, drahtige Südamerikaner, dessen riesige Nase von einer blauen Mütze beschirmt wird, braucht dazu keine Navigationsgeräte. Er sieht am Kräuseln der Wellen, wo die tückischen Untiefen heute lauern.
Immer wieder sieht man an den Ufern Holzhäuser, einen Steg, ein Boot, Wäsche im Wind. Das ist der Unterschied zwischen dem Oberlauf des Amazonas’ und der Strecke unterhalb von Manaus: Einst holte die Regierung mit einem Programm „Land ohne Menschen für Menschen ohne Land“ Brasilianer hierher, die einen Kilometer Land am Ufer bekamen, um sich dort