Dann sehen wir die Eroberer, Spanier und Portugiesen, im Beutestreit gegeneinander wüten, nachdem die Welt durch einen kühner Federstrich zwischen ihnen aufgeteilt worden ist. Wir sehen die Sterne dieser Nationen sinken und neue Gestirne am westindischen Horizont aufsteigen: die Sterne Hollands, Englands, Frankreichs. Heiß geht es her an den Küsten der Festländer und Inseln; Kauffahrer und Flibustier feuern Breitseiten gegeneinander. Mit Entermessern zwischen den Zähnen sehen wir Piraten an Bord des Gegners springen, wir hören den Lärm des Handgemenges, das Stöhnen der Sterbenden. – Die Haie haben gute Zeiten, und viele Kiele, schwer von Silberbarren, sinken auf den Grund.
Nationen bilden sich im westindischen Raum, die Banner ihrer Freiheit entfalten sich, und in immer neuen Kämpfen bemustert sich die Landkarte mit den Farben der jungen Staaten. Westindien, das ist eine Welt im Werden bis in unsere Jahre hinein. –
Ohne diese Vorstellung einer wildbewegten Vergangenheit kommen wir kaum aus, wenn wir heute nach Westindien fahren, denn die Geschichte drängt sich uns dort allenthalben auf.
In den schönen Namen, die uns durch ihren Klang bezaubern: „Santa Lucia“, „Sanctissima Trinidad“, „Santo Domingo“, „Santiago“, „Santa Maria“, „San Juan del Norte“ haucht uns die Glut des religiösen Fanatismus des Mittelalters an.
Wir können kaum irgendeinen Hafen
anlaufen, ohne eins der spanischen oder portugiesischen Forts zu passieren, bewundernswert auch noch in Trümmern in seiner nordischen Wucht unter südlichem Himmel. „Morro Castle“ vor Habana, ein Name, der sich uns eingeprägt hat durch ein unglückliches amerikanisches Schiff, ist nur ein Beispiel.
Machen wir eine Rundreise (eine Westindienfahrt führt ja fast immer rings um das Karibische Meer), so begegnen wir allen Kolonialstilen Europas: St. Thomas (heute den USA. gehörig) hat ein Stückchen von Kopenhagen, Curacao lässt uns von der Welt hinter friesischen Deichen träumen, über Trinidad klingt „Big Ben“, das Glockenspiel der St.-Pauls-Kathedrale in London, die öffentlichen Gebäude der „Inseln über dem Winde“ zeigen das Gesicht Südfrankreichs. Die Kanalzone mit ihren technischen Wunderwerken, mit ihren Flugplätzen, luftigen Pfahlbauten mit außenliegenden Treppen, mit ihren moskitosicheren, eisgekühlten Hotels ist die Quintessenz vom Geiste Nordamerikas. Und Granada, Sevilla, Lissabon, deren Kirchen, Klöster, Plazas und Paläste finden wir auf diesen Inseln und Festländern beinahe überall.
Wie mit den Bauten, so verhält es sich auch mit den Menschen. Westindien ist wohl das Gebiet der buntesten Rassenmischungen auf der ganzen Welt; manchmal war die Mischung glücklich, dann formten sich aus ihr junge Nationen, aber oft ist sie auch zum